Unter dem Titel „Was ist schon schön? – Schönheitsideale im Wandel der Zeit“ führten Frau Dr. Angelika Schmitt-Vorster und Erika Rau durch die Schönheitsgalerie in Schloss Nymphenburg unter dem Aspekt der Porträtentwicklung über die Jahrhunderte und der Frage, in wieweit die Porträts der Schönheitsgalerie tatsächlich etwas über die Geschichte der Damen, deren Temperament und Charakter aussagen können.

Die Führung beginnt damit, dass die Kunsthistorikerin Frau Dr. Schmitt-Vorster über die Entstehung des Schlosses berichtet, die unterschiedlichen Bauetappen erklärt und darauf hinweist, dass der steinerne Saal nur deswegen so groß ist, weil das repräsentative Treppenhaus nach außen verlagert wurde. Die Gemälde im großen Saal und die Entstehung der Parklandschaft werden noch besprochen, ehe es dann zuerst in die Schönheitengalerie Max Emanuels geht, die vermutlich um 1712 entstanden ist. Hier erklärt Frau Dr. Schmitt-Vorster, dass bei diesen Schönheiten noch wenig Individualität dargestellt wurde, sie sehen sich alle sehr ähnlich und es wird viel mehr über den Zeitgeist und die Epoche ausgedrückt, das Beiwerk zu den Porträts ist sehr wichtig, die einzelne Person tritt zurück und deswegen kann man aus diesen Porträts auch wenig über den Charakter der Damen sagen.

In der Schönheitengalerie Ludwigs I ist das schon ein wenig anders. Diese Damen sind auf den ersten Blick alle schön und weisen viele Ähnlichkeiten auf, schließlich wurden sie auch alle von König Ludwig I ausgesucht, entsprechen also seinem Sinn für Schönheit, und wurden auch alle vom selben Maler gemalt. Dennoch sind sie deutlich individueller dargestellt und man kann aus den Bildern eine ganze Menge über den Charakter der einzelnen Damen lesen. Interessant in dieser Galerie ist, dass die dargestellten Damen aus allen Gesellschaftsschichten stammen, es ging einzig und allein darum, Schönheit darzustellen. Aber was ist schön? Erika Rau erklärt, dass wir Gesichter dann als schön empfinden, wenn Stirn, Mittelgesicht und Untergesicht ungefähr gleich groß sind und eine Harmonie bilden, die weiterhin mit einer Ebenmäßigkeit der Gesichtszüge gepaart ist.

Helene SedlmayerBetrachtet man das Bildnis der Helene Sedelmeyer, dann begegnet uns hier ein Ernährungs-Empfindungs-Naturell, das psycho-physiognomisch mit Eigenschaften wie liebevoll, Anteil nehmend, feinfühlig und sozial verbindlich gesehen wird. Sie ist die Lieblichkeit in Person und mit dem feinen Mund kann sie sich auf alles Feine einlassen und ist verletzt durch alles Grobe. Der Augenausdruck ist schwärmerisch und liebevoll, weich und drückt starke Gemüthaftigkeit aus. Intellektuelle und geistige Differenzierung war nicht so sehr in ihrem Interesse, wobei sie durchaus intelligent war und ihrer großen Familie mit den alltäglichen Anforderungen gut gerecht werden konnte. Dieses Naturell und die Rundung ihrer Stirn lassen schließen, dass sie ein sehr praktischer Mensch war. Die proportional breiten Jochbeine lassen zudem die Vermutung zu, dass sie einen deutlichen Willen zur Eigenständigkeit hatte.

Frau Dr. Schmitt-Vorster erzählt, dass sie als Tochter eines Schuhmachermeisters mit 14 Jahren Dienstmagd und später Angestellte in einem Spielwarengeschäft war. Sie wurde dann von König Ludwig mit einem Kammerlakaien verheiratet, hatte 10 Kinder und starb nach langer und glücklicher Ehe im Alter von 85 Jahren. Zur Komplettierung der Geschichte wird der Gruppe noch ein Altersbild von Helene Sedelmeyer gezeigt.

Charlotte von Hagn

Im Vergleich dazu wird das Bild der Charlotte von Hagn betrachtet.
Sie war eine talentierte Schauspielerin am Münchner Hoftheater. Dieses Porträt vereint viele Züge, die offenbar für Ludwig und die Zeit zum Frauenschönheitsideal gehört haben: Lieblichkeit, regelmäßige Gesichtszüge, kleiner Mund, leicht demütiger Blick, abfallende Schultern.
Erika Rau sieht auch sie im Ernährungs-Empfindungs-Naturell, aber doch auch wieder ganz anders als Helene Sedelmeyer. Das Interesse für Kultur und geistige Regsamkeit, die diesem Naturell zu eigen sind, treten bei ihr mehr hervor. Ihre Augen schauen klug und wach in die Welt und können sich abgrenzen. Der Augapfel drängt vor und die Plastik in der Augenhöhle ist auch vordrängend, woran wir lesen, dass diese Frau ein aktives Wesen ist, an allem intensiv Anteil nimmt. Ihr Blick ist in der Vorstellung und schwärmerisch.
Sie hat ein spitzes Kinn, was die Psycho-Physiognomik mit starker Kritik gegenüber sich selbst und anderen deutet. Diese Menschen sind sehr perfektionistisch und nie zufrieden. Sie hat einen schönen Mund, der die Anmut ihrer Gefühle wiedergibt. Es ist aber auch der typisch „süße Mundzug“, der sich nach außen freundlich zeigt, auch wenn ihr nicht freundlich zumute ist. Damit ist der Mensch aber nicht immer authentisch.
Die Nase zeigt durch ihre Geradlinigkeit und Länge, dass sich diese Dame gut organisieren und selbst erziehen kann.
Am Augenlid lesen die Physiognomen bei ihr einen ausgeprägten Redesinn, welchen Sie als Schauspielerin auch leben durfte. Des Weiteren bestätigt Frau Dr. Schmitt-Vorster, dass Charlotte von Hagn auch sehr selbständig war und gegen den Willen des Königs ein viel gelobtes Gastspiel am russischen Zarenhof angenommen hat und dann für ein Engagement an den Berliner Hof wechselte. Erst 1851 kam sie nach München zurück und war dann der Mittelpunkt von vielen Verehrern der Kunst- und Geisteswelt.

König Ludwig I.

So geht die Gruppe durch sämtliche ausgesuchte Porträts, betrachtet die Gesichter und vergleicht die psycho-physiognomische Deutung mit der Biografie der Damen, soweit diese bekannt ist.
Auch König Ludwig und seine Gemahlin selbst werden betrachtet und die Aussage von Heinrich Heine, der über die Schönheitsgalerie dichtete:

Er liebt die Kunst, und die schönen Fraun / die läßt er porträtieren;
Er geht in diesem gemalten Serail / Als Kunst-Eunuch spazieren.“

Könnte die Psycho-Physiognomik widerlegen: König Ludwig I weist keinerlei Merkmale auf, die zeigten, dass er gewissenlos die schönen Mädchen verführte. Er zählte zum Empfindungs-Bewegungs-Naturell, hatte einen ausgesprochenen Schönheitssinn, zu lesen an der Gestaltung der Augen und Augenumgebung, war sehr sanguinisch-heiter und mit den abstehenden Ohren auch sehr betriebsam. Sein Gesicht strahlt und er wollte mit dieser Schönheitsgalerie die Seele des Menschen durch die Kunst verfeinern. In einem Altersbild sehen wir dann die große Enttäuschung, die er selbst durchmachen musste, weil er sich durch Lola Montez stark blenden ließ.

Lola Montez

Bei der Betrachtung des Bildes von Lola Montez, das am Ende der Führung besprochen wird, kann man erkennen, dass sie in ihrer Gestalt eigentlich nicht in die Schönheitsgalerie passt. Ihre Züge sind nicht ebenmäßig und auch nicht harmonisch, ihre Augen sind feurig-scharf, der ganze Ausdruck hat etwas Ruheloses, Suchendes. Sie muss etwas gehabt haben, das den König sehr faszinierte, das sich aber in diesem Bild nicht ausdrückt. Bei ihr spielt das Gewissen keine große Rolle, denn ihre Mittel- und Oberstirn sind sehr flach. In diesem Gesicht dominiert die Nase, was in dieser Kombination physiognomisch derart gedeutet wird, dass der Mensch macht, was er will, dass er vor allen Dingen sich selbst verwirklichen möchte. Der Maler musste diese Dame sehr beschönigen, dass sie überhaupt in die Galerie passte.

So lernen die Teilnehmer in dieser Dialogführung eine ganze Menge über das Schloss, die Zeitgeschichte, den König und über die differenzierte Herangehensweise der Psycho-Physiognomik, die nicht nur schablonierte Bedeutungen zu den Formen ordnet, sondern durch das Einlassen auf ein Gesicht und die Kenntnisse aus dem System der Psycho-Physiognomik versucht, der Individualität des Menschen gerecht zu werden.