Carl Huter
Carl Huter

Die Wurzeln der Psycho-Physiognomik

Wir alle sind Physiognomen und schätzen die Menschen, die uns beruflich und privat begegnen nach unserer instinktiven Menschenkenntnis mehr oder weniger richtig ein. Aber wie entwickelte sich ein „System“ der Menschenkenntnis?

Noch vor wenigen Jahren war das Thema Physiognomik in Deutschland tabu. Allein schon das Wort beschwor Schamgefühle herauf. Die Erinnerungen an die Rassentheoretiker des Dritten Reiches, die einen nordischen Herrenmenschen beschrieben und die Körpergestalt von Juden und Zigeunern als „minderwertig“ deklarierten, waren abstoßend und hafteten dem System der Psycho-Physiognomik noch lange an.

Dabei weisen die Wurzeln der Psycho-Physiognomik in weite Vorzeit zurück. Eine besondere Blütezeit erlebte sie in der griechischen Hochkultur, wo sie von brillanten Denkern wie Sokrates, Platon und Pythagoras im täglichen Leben angewandt wurde. Aristoteles und seine Schüler analysierten Gesichtsmerkmale bei Mensch und Tier – »geradlinige Augenbrauen deuten auf einen sanften Charakter, nach der Nase zu gebogene auf einen mürrischen, nach den Schläfen hin auf einen hämischen, heruntergezogene auf Neid«.

Johann Caspar Lavater
Johann Caspar
Lavater

In dieser Zeit bereits entstand die Lehre von der Dreiteilung des Gesichts, die bis heute zu den Grundannahmen der Physiognomik gehört. Danach entspricht die Stirn dem geistigem Potenzial des Menschen, der Bereich von den Augen bis zum Mund seinem Gemüt, das Kinn gibt Auskunft über die Vitalität und physische Kraft. Die Nase in der Mitte des Gesichtes ist Ausdruck der Gestaltungs- und Darstellungskraft.

Der Arzt Hippokrates interessierte sich besonders für die Krankheitszeichen im Gesicht und schuf damit die Grundlagen der heutigen Patho-Physiognomik. Ihn interessierte vor allem, wie sich das Gesicht bei Fieber, schlechter Verdauung, Gelbsucht usw. verändert. Er beschrieb sehr genau das Gesicht des Sterbenden und die Beschreibung des Todgeweihten wird heute noch mit dem "Facies hippokratica" genannt. Heute, im Zeitalter der Technisierung der Medizin, wird häufig zu wenig auf die im Gesicht der Patienten zu findenden Anzeichen von Gesundheit und Krankheit geachtet.

Die wirklich spannende Blütezeit der abendländischen Physiognomik begann dann aber erst im Zeitalter der Aufklärung, vor rund 250 Jahren. Ausgelöst wurde diese Begeisterung durch den charismatischen Züricher Pfarrer Johann Caspar Lavater, der von den bedeutendsten Personen in Europa, von Fürsten, Schriftstellern, Künstlern, Staatsmännern und Theologen eingeladen wurde. Das Deuten von Gesichtern war ein gerne diskutiertes Thema an Fürstenhöfen, aber auch in Gelehrtenkreisen zu denen Leibniz, Kant, Schopenhauer, Schelling und Goethe gehörten.

Josef Gall entwickelte als Anatom die Schädelausdruckskunde, die er Phrenologie nannte und die bis heute ein Lehrbereich der Psycho-Physiognomik ist.

Carl Huter hat dann alles, was vor ihm erforscht wurde, gesammelt, überprüft, neu geordnet und damit sein System der „Psycho-Physiognomik“ geschaffen. Diesen Begriff schuf er, um sich ganz klar von der Rassenlehre der damaligen Anthropologie, die dann im dritten Reich mündete, abzugrenzen. Lange vor dem dritten Reich mit den bekannten Folgen hat sich Carl Huter gegen Rassismus geäußert.

Er entwickelte aus der Keimblattlehre die Naturelllehre, durch seine sensitiven Fähigkeiten entdeckte er die Kraftrichtungsordnung, welche es ermöglicht, Ausstrahlungsqualitäten zu benennen. Damit schuf er ein System, das nicht nur Formen deutet, sonder immer auch die aktuelle Dynamik, die sich in der Ausstrahlung zeigt, mit berücksichtigt. Ein hoher ethischer Aspekt war für ihn in seiner ganzen Arbeit sehr wichtig.

„Da alles was ist, durch die Liebe entstanden ist, und eine Vervollkommnung des Lebens nur durch die Liebe möglich ist, so gibt es auch keine Geistes- und Erkenntniskraft, kein Studium und keine Wahrheitserkenntnis ohne Liebe.“