„Ich sehe was, was du nicht siehst … und das ist rot!“
Fast jeder kennt dieses einfache Kinderspiel. Besonders auf langen Autofahrten oder Reisen mit der Bahn sorgt es für Unterhaltung und vertreibt die Zeit. Einer entdeckt etwas, nennt eine Farbe – und alle anderen beginnen zu suchen.
Doch was wäre, wenn nicht alle Mitspieler dieselbe Farbe auf dieselbe Weise wahrnehmen können?
Sehen wir wirklich alle dieselbe Welt?

Bei einer Rot-Grün-Sehschwäche kann die Unterscheidung zwischen diesen beiden Farben deutlich erschwert sein. Schätzungen zufolge sind etwa 9 % der Männer und rund 0,8 % der Frauen von einer entsprechenden Farbsehschwäche betroffen. Moderne Spezialbrillen mit bestimmten Filtertechnologien können manchen Betroffenen dabei helfen, Unterschiede zwischen einzelnen Farbbereichen besser wahrzunehmen.
Schon dieses kleine Beispiel zeigt etwas Faszinierendes: Unsere Wahrnehmung der Welt ist nicht für alle Menschen gleich.
Wer kann eigentlich mit Sicherheit sagen, dass das, was ich sehe, genauso aussieht wie das, was mein Gegenüber sieht?
Wir benutzen dieselben Worte: Rot. Grün. Blau. Hell. Dunkel. Laut. Leise.
Aber erleben wir tatsächlich dasselbe?
Der Satz „Ich sehe was, was du nicht siehst“ bekommt plötzlich eine ganz neue Bedeutung.
Jeder lebt in seiner eigenen Wahrnehmungswelt

Nicht nur Menschen nehmen ihre Umwelt unterschiedlich wahr. Auch Tiere erleben ihre Umgebung auf eine Weise, die für uns oft kaum vorstellbar ist.
Warum starrt ein Hund plötzlich aufmerksam in eine scheinbar leere Zimmerecke? Warum beginnt er vielleicht sogar, in diese Richtung zu bellen, obwohl wir dort nichts erkennen können?
Natürlich müssen wir nicht gleich an etwas Übernatürliches denken. Tiere verfügen zum Teil über Sinnesleistungen, die sich deutlich von unseren unterscheiden. Hunde können beispielsweise wesentlich höhere Frequenzen hören als Menschen und nehmen Gerüche wahr, die für unsere Nase vollkommen verborgen bleiben.
Die Welt, die wir erleben, hängt also immer auch von unseren „Empfangsmöglichkeiten“ ab.
Wir nehmen nur wahr, wofür unsere Sinnesorgane und unser Gehirn einen Zugang haben.
Wenn Klänge Farben bekommen

Besonders faszinierend zeigt sich die Vielfalt menschlicher Wahrnehmung bei der Synästhesie.
Bei manchen Menschen sind Sinneseindrücke auf besondere Weise miteinander verbunden. Klänge können beispielsweise mit Farben verknüpft sein. Zahlen haben vielleicht ganz bestimmte Farben. Musik kann räumliche Formen oder Farbwelten hervorrufen.
Was für einen Menschen völlig selbstverständlich erlebt wird, ist für einen anderen möglicherweise überhaupt nicht nachvollziehbar.
Der eine hört Musik.
Der andere sieht Musik.
Der eine sieht eine Zahl.
Der andere erlebt dabei gleichzeitig eine bestimmte Farbe.
Wer von beiden nimmt die Welt „richtig“ wahr?
Vielleicht ist diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten.
Die Welt ist voller unsichtbarer Signale
Dass es eine Welt voller Signale gibt, die für unsere menschlichen Sinne unmittelbar unsichtbar oder unhörbar sind, gehört längst zu unserem Alltag.
Mit Fernsehsendern und Empfängern sind viele von uns aufgewachsen. Wir denken heute kaum noch darüber nach, dass Informationen unsichtbar durch den Raum übertragen und an anderer Stelle wieder in Bilder und Töne verwandelt werden können.
Das Smartphone tragen wir ständig bei uns. WLAN ist nahezu überall verfügbar. Babyphones übertragen Geräusche aus einem anderen Raum. Radios, Bluetooth und Mobilfunk funktionieren über Signale, die wir nicht sehen können.
Unsere technischen Geräte erweitern gewissermaßen unsere natürlichen Sinne.
Sie machen Signale sichtbar, hörbar oder nutzbar, die wir ohne sie nicht wahrnehmen könnten.
Vielleicht ist das ein spannender Gedanke: Wie viel von unserer Umwelt existiert um uns herum, ohne dass wir es unmittelbar bemerken?
Und wie unterschiedlich reagieren Menschen auf das, was sie wahrnehmen – oder eben nicht wahrnehmen?
„Ich sehe was, was du nicht siehst“ – eine Frage der Achtsamkeit?
In einer Welt voller Eindrücke und Signale kann es hilfreich sein, die eigene Wahrnehmung immer wieder bewusst zu schärfen.
Dabei geht es nicht unbedingt darum, möglichst viel wahrzunehmen. Manchmal geht es vielmehr darum, wirklich präsent zu sein.
Achtsamkeit – im Englischen Mindfulness – beschreibt einen Zustand bewusster Gegenwärtigkeit. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf das, was jetzt gerade da ist: auf unseren Körper, unseren Atem, unsere Gefühle, Geräusche und die unmittelbare Umgebung.
- Ohne sofort zu bewerten.
- Ohne gleich eine Erklärung finden zu müssen.
- Ohne bereits gedanklich beim nächsten Termin zu sein.
Verschiedene Atemübungen und Methoden der Atemarbeit können dabei helfen, die Aufmerksamkeit immer wieder in den gegenwärtigen Moment zurückzuführen.
Vielleicht lernen wir auf diese Weise auch, genauer hinzusehen und besser hinzuhören.
Nicht nur auf das, was wir selbst wahrnehmen.
Sondern auch auf das, was ein anderer Mensch erlebt.
Denn Achtsamkeit kann auch bedeuten, offen dafür zu bleiben, dass unser Gegenüber eine Situation ganz anders empfindet als wir selbst.
Wenn Menschen ihre Umwelt anders erleben

Ein besonders kontrovers diskutiertes Thema ist die sogenannte Elektrosensibilität beziehungsweise elektromagnetische Hypersensitivität.
Betroffene berichten, dass sie körperliche Beschwerden mit bestimmten elektrischen, magnetischen oder elektromagnetischen Feldern in Verbindung bringen. Die geschilderten Symptome können sehr unterschiedlich sein und reichen beispielsweise von Kopfschmerzen und Schwindel bis hin zu weiteren Beschwerden.
Wichtig ist dabei eine differenzierte Betrachtung: Dass Menschen unter solchen Symptomen leiden, sollte ernst genommen werden. Ein direkter ursächlicher Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und den jeweils berichteten Beschwerden lässt sich wissenschaftlich jedoch nicht in allen Fällen eindeutig nachweisen. Die Ursachen können individuell sehr unterschiedlich und komplex sein.
Gerade deshalb ist es sinnvoll, Beschwerden sorgfältig medizinisch abklären zu lassen und mögliche Auslöser systematisch zu beobachten.
Manche Betroffene berichten, dass ihnen die Verringerung individuell vermuteter Belastungsquellen guttut. Darüber hinaus können – je nach Beschwerden und persönlicher Situation – verschiedene unterstützende Maßnahmen zur Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens sinnvoll sein. Auch eine homöopathische Behandlung kann sehr dazu beitragen, dass sich diese Beschwerden verbessern.

Vielleicht sehen wir mehr, wenn wir offener werden
„Ich sehe was, was du nicht siehst“ ist also möglicherweise mehr als nur ein Kinderspiel.
Es kann uns daran erinnern, dass unsere Wahrnehmung begrenzt ist.
Jeder Mensch sieht, hört, fühlt und erlebt die Welt durch seine ganz eigenen Voraussetzungen. Unsere Sinne erfassen nur einen Ausschnitt dessen, was um uns herum geschieht. Und selbst das, was wir wahrnehmen, wird von unserem Gehirn verarbeitet, eingeordnet und mit unseren bisherigen Erfahrungen verbunden.
Vielleicht besteht echte Achtsamkeit deshalb nicht nur darin, die eigenen Sinne zu schärfen.
Vielleicht bedeutet sie auch, anzuerkennen:
Ich muss nicht alles wahrnehmen, was du wahrnimmst, um dir zu glauben, dass du etwas erlebst.
Und vielleicht entdecken wir dann manchmal tatsächlich etwas Neues.
„Ich sehe was, was du nicht siehst …“
Etwas, das vorher schon da war.
Etwas, das ein anderer längst gesehen hat.
Und vielleicht lohnt es sich, gemeinsam noch einmal genauer hinzuschauen.
Empfehlung: Prof. Dr. Thilo Hinterberger – Interview im Dimensions-Kongress 2026 forscht zum Thema „Bewusstsein“ und „Hypersensibilität“. Er arbeitet an den Kliniken „Heiligenfeld“ und hilft mit seinen Seminaren Menschen mit gesteigerter Sensibilität in ihre Mitte zu kommen.
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