Ressourcenaktivierung durch Kreativität

Das Thema „Ressourcenaktivierung“ befindet sich im Kontext des Coachings derzeit stark im Aufwind. Da wir dem Stress im Alltag und in der Arbeitswelt immer weniger ausweichen können, ist es für jeden Menschen wichtiger denn je, die eigenen Ressourcen gezielt zu aktivieren und Resilienz zu entwickeln.

Aber auch in der Therapie sind langfristige Erfolge von der Ressourcenaktivierung des Klienten abhängig, wie die Forschung gezeigt hat.

Was sind unsere Ressourcen? Wie können wir sie aktivieren?

Ressourcen sind alle Erfahrungen, mit denen wir körperliche und seelische Grundbedürfnisse erfüllen.

Psychische Ressourcen beziehen sich beispielsweise auf

  • das Ausmaß an Eingebunden-Sein in ein soziales Netz,
  • auf Kontakt zu anderen Menschen,
  • auf eine insgesamt positive Bilanz aus Lust und Frust,
  • auf Orientierung, also auf Ziele und Motive,
  • auf eigene Gestaltungsmöglichkeiten und Kreativität sowie
  • auf ein ausreichend hohes Selbstwerterleben.

Wichtig ist dabei, dass ich das, was ich tue, für mich persönlich als wertvoll erlebe.

In Stresssituationen konzentrieren wir uns oft lediglich auf die problematischen Aspekte. Ressourcenaktivierung hilft, den Blick zu weiten und damit mehr Möglichkeiten wahrzunehmen, Stresssituationen zu begegnen.

Die Aktivierung der Ressourcen unterstützt also unsere Gesundheit oder Gesundwerdung. Wer viele Ressourcen zur Verfügung hat, lebt in Einklang mit seinen Grundbedürfnissen und ist damit robuster gegenüber Herausforderungen.

Ressourcen helfen uns aber auch, nach belastenden Situationen schnell wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Eine wichtige Ressource ist, wie oben schon erwähnt, unsere Kreativität.

Kreativität verbinden wir häufig mit der bildenden oder darstellenden Kunst, aber wir brauchen Kreativität ganz allgemein immer in vielen Gebieten unseres alltäglichen Lebens. Kreativität bezeichnet die Eigenschaft eines Menschen, schöpferisch oder gestalterisch tätig zu sein. Es ist ein Prozess, in dem etwas Neues entsteht, das kann zum Beispiel auch die Lösung eines Problems sein.

Kreativität ist in jedem Einzelnen von uns angelegt. Wer kreativ ist, vermeidet wirksam Stress, bleibt offen für neue Situationen und Menschen und fürchtet sich nicht davor, auch mal neue Wege zu beschreiten. Der kreative Mensch wächst über sich hinaus und entdeckt neue Möglichkeiten. Er entfaltet sich ungehindert und entdeckt das Leben immer wieder auf neue Art und Weise. So macht auch die Wortherkunft von “Kreativität” Sinn: Der lateinische Begriff „creare“ bedeutet die Fähigkeit, etwas Neues zu erschaffen, zu erfinden oder zu gestalten.

Albert Einstein definierte: „Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat.“

Das „Querdenken“: Einfallsreichtum und Schöpfergeist – Kreativität ist in unserer Zeit eine unverzichtbare und wichtige Kernkompetenz und eine unserer wichtigsten Ressourcen.

Der US-amerikanische Wissenschaftler Mel Rhodes ist einer der bedeutsamsten Kreativitätsforscher. Er beschäftigte sich bereits in den 1960er Jahren mit den Faktoren, die unsere Kreativität maßgeblich beeinflussen. Dabei fand er vier Grundelemente, die die Kreativität ausmachen und die bis heute gültig sind:

  1. Die Voraussetzungen einer Person (Persönlichkeit, Intellekt, Temperament, Gewohnheiten und Verhaltensweisen) könnendie Kreativität entweder fördern oder hemmen.
  2. Die Aspekte Motivation, Lern- und Denkvermögen, Wahrnehmung und die Art und Weise der Kommunikation gehören zum kreativen Prozess.
  3. Das Produkt ist gleichzeitig auch die – geistige, immaterielle oder sichtbare – Idee und entsteht in einem Schaffensprozess (creatio). Das Produkt ist eine greifbare Idee und damit eine Erfindung.
  4. Das kreative Umfeld umfasst alle Faktoren der Umgebung, die Einfluss auf die Kreativität nehmen. Dabei spielt die Beziehung zwischen der Person und ihrer Umgebung eine wichtige Rolle.

Die vier Elemente der Kreativität zeigen einerseits, dass der Schöpfergeist als Potential bereits in uns verankert ist, also unserer Persönlichkeit eingeschrieben ist. Andererseits gibt es viele Komponenten und Möglichkeiten, durch die wir Kreativität als Kompetenz und Fertigkeit zur Stressbewältigung trainieren und lernen können.

Zum Stichwort Kreativitätstraining kann man sich zahlreiche Anregungen auf dem Büchermarkt oder auch im Internet holen.

Die Aktivierung der Ressource „Kreativität“ wird auch in der Kunsttherapie oder Kunstpädagogik angestrebt. Die Kunsttherapie ist eine relativ junge Disziplin und wird mittlerweile nicht nur in psychosomatischen oder psychiatrischen Kliniken, sondern auch beispielsweise in Altenheimen oder Förderschulen eingesetzt.

In der Kunsttherapie geht es nicht darum, Kunstwerke zu erschaffen, sondern einen Zugang zu  inneren Welten der Klienten zu bekommen. Das Werk wird in der Kunsttherapie zum Spiegel der Seele.

In kunsttherapeutischen Behandlungen können Therapeuten mit Hilfe des künstlerischen Ausdrucks des  Klienten seelische Konflikte erkennen und über sie sprechen. Sie können aber auch das künstlerische Tun in den Vordergrund rücken oder die Wirkung des Mediums auf den Klienten zum Ausgangspunkt der kunsttherapeutischen Therapie nehmen.

Die schöpferische Freiheit und die eigene Gestaltungsmöglichkeit wirkt beim Klienten dem Gefühl des Ausgeliefertseins entgegen und fördert ohne Realitätsdruck eine aktive und selbstbestimmte Lebenshaltung.

Das Sprechen über das in der Kunsttherapie gestaltete Werk kann dem Klienten helfen, neue Perspektiven und Lösungsmöglichkeiten für sich und sein Problem zu entdecken.

Kunsttherapeutische Methoden können einerseits die Kreativität anregen, sie können sich aber auch weitergehend auf die unmittelbare, eher lösende oder aber strukturierende Wirkung der Gestaltungsmedien beziehen. Das Arbeiten mit Wasserfarbe, Zeichenstift oder plastischen Ausdrucksmitteln (Ton oder Stein) ist hilfreich für die Entwicklung von sensorischen Fähigkeiten. Achtsamkeitsübungen können in diesem Kontext ebenfalls durchgeführt werden.

So können durch künstlerisches Arbeiten längst verschüttete Ressourcen wieder zugänglich gemacht und Selbstheilungskräfte angeregt werden.

Buch zur Vertiefung:

Werner Kraus: Die Heilkraft des Malens – Einführung in die Kunsttherapie. ‚Beck Reihe’, EAN: 9783406494215.

Was geschieht im Rahmen einer Kunsttherapie? Für welche Personen ist sie geeignet? Wie gehen die Therapeuten vor? Muss man für eine solche Therapie künstlerisch begabt sein? Hilft sie auch in psychischen Ausnahmesituationen? Und schließlich: Wo liegen die Grenzen der Kunsttherapie? Anhand von Fallbeispielen wird die positive Wirkung der Kunsttherapie auf vielfältige Krankheitsbilder belegt und der Autor wirbt zugleich für eine „schöpferische Lebenseinstellung“.

Text: Kristine Haussner